Autorenlesung

Fragen von Schülerinnen und Schülern unserer Schule an Herrn Dr. Alois Prinz, der in der Realschule Lemgo am 7.9.10 um 19: 00 Uhr seine u.a. mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Biographie über Ulrike Meinhof „Lieber wütend als traurig“ vorstellen wird
1) Kimberley & Ann-Kathrin: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Autor zu werden, und wie lange sind Sie schon Autor?
Auf die Idee, einmal Bücher schreiben zu wollen, bin ich sehr früh gekommen, als ich noch ein Jugendlicher war. Allerdings war diese Idee in der Umgebung, in der ich aufgewachsen bin, einfach zu abwegig, zu verrückt. Ich sollte einen anständigen Beruf erlernen wie meine Brüder. Ich habe mich sozusagen über Umwege an diese Idee herangemacht, habe Germanistik studiert und dann als Journalist gearbeitet. Erst spät, ich war schon über dreißig, habe ich den Sprung gewagt und bin freier Autor geworden. Meine Eltern können es heute noch nicht verstehen.
2) Inga: Den Schwerpunkt Ihres Werkes bilden Biographien. Worin sehen Sie die Bedeutung von Biographien für junge Leser?
Als Jugendlicher waren für mich Bücher sehr wichtig, Bücher von Menschen oder über Menschen, die etwas gewagt haben, was ich auch gern gemacht hätte, wozu mir aber der Mut fehlte. Diese Bücher und diese Menschen haben mir den Mut gegeben, über meine eingebildeten Grenzen hinauszugehen. Mit meinen eigenen Büchern möchte ich jugendlichen Lesern ein Vorbild geben, damit sie sehen, dass es Leute gegeben hat, die mit ähnlichen Fragen und Problemen gekämpft haben wie sie, und versucht haben, eigene Antworten zu finden und danach zu leben. Dabei sind mir gebrochene Schicksale lieber als gradlinige. Ja, ich glaube sogar, Lebenswege, bei denen manches schief geht, sind bessere Vorbilder als Lebenswege, bei denen alles glatt läuft.
3) Jana: Wann und warum haben Sie sich entschieden, ein Buch über Ulrike Meinhof zu schreiben. Geht es Ihnen darum, zu zeigen, wie Terrorismus entsteht?
Ein Buch über Ulrike Meinhof zu schreiben, das war eine Idee, die ich schon lange mit mir herumgetragen habe. Nur hat es lange gedauert, weil die Widerstände so groß waren und mein Verlag anfangs nicht mitmachen wollte. In erster Linie ging es mir darum zu zeigen, wie aus einem normalen Mädchen, das sehr mitleidsfähig und christlich eingestellt war, eine Terroristin wird, die mit Waffengewalt die Welt ändern will. Ja, es stimmt, ich wollte auch zeigen, wie Terrorismus allgemein funktioniert, das heißt, was in den Köpfen von Leuten vorgeht, die das Paradies predigen und Bomben schmeißen. Ich glaube, am Beispiel von Ulrike Meinhof kann man viel über dieses Phänomen lernen.
4) Moritz: Woher holen Sie sich Ihre Anregungen für ein neues Buch, was inspiriert Sie zum Schreiben?
Meistens ist es so, dass durch Gespräche, durch Bücher oder meine Recherchen etwas in meinem Kopf hängen bleibt, was ich dann lange mit mir herumtrage. Manchmal lasse ich diese Idee wieder fallen, weil ich merke, das sie mich nicht tief genug bewegt. Und manchmal lässt mich eine Sache nicht mehr los, dann weiß ich irgendwann, dass ich ein Buch daraus machen kann. Was mich dabei am meisten reizt, ist, wenn ich eine Sache oder eine Person nicht verstehe und ich trotzdem nicht mehr davon loskomme. Schreiben heißt für mich, etwas oder jemandem auf die Spur zu kommen. Aber nicht zu nahe! Ein letztes Geheimnis muss bleiben. Bücher, die alles wissen und alles auflösen oder nur Versteckspielen sind für mich vollkommen uninteressant.
5) Tim: Haben die Themen in Ihren Büchern etwas mit Ihrem eigenen Leben, Ihren persönlichen Erfahrungen zu tun?
Ein ganz klares Ja! Viele Leute meinen, ich schreibe über x-beliebige Menschen, die mit mir nichts zu tun haben. Das Gegenteil ist der Fall. Ich könnte nie über Personen schreiben, die nichts mit mir gemeinsam haben. Gerade weil mich sehr viel mit ihnen verbindet, kann ich über sie schreiben. Es ist ganz viel „Ich“ in meinen Büchern, nur merkt man es nicht gleich, es ist eher zwischen den Zeilen. Es fiele mir schwer, direkt über mich zu schreiben. Viel schöner ist es, finde ich, sich indirekt preis zu geben. Insofern verkörpern alle Personen, über die ich geschrieben habe, eine bestimmte Seite von mir. Und ich kann sie nur gerecht beschreiben, weil sie mir so nahe sind.
6) Sören: Wie gehen Sie als Autor bei der Recherche vor?
Erst mal muss ich mir natürlich alles aneignen, was es über ein Thema gibt. Dabei sind große Bibliotheken wie die Staatsbibliothek in München unverzichtbar. Dort gibt es auch alte Stadtpläne, Reisebeschreibungen, Tagebücher, so dass ich mir über einen Menschen oder eine Zeit ein genaues Bild machen kann. Manchmal gibt es auch einen Nachlass von unveröffentlichten Schriften, durch die man besonders nahe an einen Menschen rankommt. Im Falle von Ulrike Meinhof machte ich viele Reisen, besuchte Schulen, in die sie gegangen war, sprach mit Leuten, die sie gekannt hatten, sammelte Briefe, Zeugnisse, Personalakten etc. Insgesamt war das eine sehr mühsame, aber spannende Detektivarbeit, bei der ich auf viele ergiebige Informationen gestoßen bin. Zum Schluss hatte ich viele Aktenorder von Material. Aufgrund dieses Materials mache ich mir dann Skizzen mit vielen Pfeilen und Zeichen, um ein Konzept, einen großen Plan zu haben. Ja, und dann kann’s losgehen.
7) Cansu & Marleen: Gibt es Durchschnittswerte, wie lange Sie brauchen, um ein Buch zu schreiben?
Normalerweise so zwei Jahre von Anfang der Recherchen bis zum fertigen Manuskript.
8) Rahel: Haben Sie schriftstellerische Vorbilder?
Ja, habe ich. Die sind sehr unterschiedlich und haben eigentlich nichts mit Biographien zu tun. Aber sie alle beschreiben das Leben von Menschen und man kann von ihnen unendlich viel darüber lernen, was Literatur ist und wie sie funktioniert. Das sind alte Könner wie Adelbert Stifter und Gottfried Keller oder besonders auch Gustave Flaubert. Ich schätze sehr amerikanische Autoren und Schriftstellerinnen wie Ernest Hemingway, Carson McCullers, D. H. Lawrence und William Faulkner. Von den moderneren Leute wie Richard Yates, Walker Percy, Thomas Pynchon, Ian McIwan, Henry Miller, John Irving. Im deutschsprachigen Raum sind mir Peter Handke, Thomas Bernhard, Ingeborg Bachmann und Robert Walser die liebsten (und natürlich Hermann Hesse und Franz Kafka).
9) Virginia: Gibt es einen Lieblingsautor, ein Lieblingsbuch?
„Madame Bovary“ von Gustave Flaubert; „Der Kinogeher“ von Walker Percy; „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Milan Kundera; „Der Fänger im Roggen“ von Salinger; „Die Ausgewanderten“ von W.G. Sebald, „Wittgensteins Neffe“ von Thomas Bernhard.
10) Annalena & Ramona: Welche Pläne haben Sie für die Zukunft? Werden Sie weitere „politische“ Bücher schreiben?
Ich würde nicht sagen, dass das Buch über Ulrike Meinhof ein „politisches Buch“ ist. In erster Linie interessiert mich der Mensch in all seinen Facetten, was er (oder sie) für politische Anschauungen hat, ist ein Aspekt, aber nicht das Wichtigste. In meinen anderen Büchern geht es um Künstler, Wissenschaftler, Entdecker oder religiöse Gestalten. Mal sehen, ob ich weiter Lebensgeschichten schreibe. Wenn es mir zu langweilig wird, versuche ich was anderes. So nebenbei habe ich auch schon Erzählungen verfasst. Irgendwann möchte ich mal einen Roman schreiben, einfach so, um zu sehen, ob mir das gelingt …