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„Selbstbewusster durch den Alltag“
Von Marc Philipp Meyer
Lemgo (mpm). Es ist früher Nachmittag und der Bus ist fast leer, als ein auffälliger Mann einsteigt und sich direkt neben Sabine (Name geändert) setzt. „Warum gerade direkt neben mich“, fragt sich Sabine während sie immer weiter weg zum Fenster rutscht. „Der Typ ist mir unsympathisch. Es ist mir unangenehm, dass er neben mir sitzt. Was will der eigentlich von mir“. Tausend Gedanken schießen Sabine in diesem Moment durch den Kopf. Am liebsten würde sie sich jetzt umsetzen oder den Mann auffordern, sich woanders hinzusetzen. Doch sie traut sich einfach nicht. Noch nicht, denn an der Realschule Lemgo gibt es jetzt einen Selbstbehauptungskurs für Mädchen, in dem sie lernen, wie man sich in solchen Situationen richtig verhält.
Viele junge Mädchen haben ein zu schwaches Selbstbild und können nicht nein sagen“, berichtet Sonja Hommers von ihrer Beratungsarbeit als Sozialarbeiterin der Realschule Lemgo. Doch wie und wo holt man sich Unterstützung? Dafür haben Schulsozialarbeiterin Sonja Hommers, Lehrerin Heidrun Krüger und AWO-Mitarbeiterin Gabi Zengin den Selbstbehauptungskurs für Mädchen an der Realschule Lemgo ins Leben gerufen. Sozialpädagogin Gabi Zengin führt diese Kurse durch und erlebt immer wieder, wie sich die Mädchen schon während des Kurses verändern und selbstbewusster werden. „Wer anfangs sehr still war und kaum sprach, kann schon mal zur echten Quasselstrippe werden“, erzählt sie und lacht. Das Ziel ist es, den Mädchen mehr Selbstvertrauen anzutrainieren. In der Schule und im Alltag gibt es immer wieder Situationen, in denen man sich selbst behaupten muss und nicht weiß, wie man sich richtig verhalten soll. Man wird nervös, fühlt sich unwohl und es verschlägt einem die Sprache. „In diesem Kurs lernen die Mädchen, wie sie in diesen Situationen agieren und reagieren können“, sagt Frau Hommers und wird von den Teilnehmerinnen in ihrer Aussage kräftig unterstützt. „Durch Spiele und Übungen habe ich gelernt, besser auf Menschen zuzugehen und bin mutiger geworden“ berichtet eine Fünftklässlerin. „Genau, ich bin nicht mehr so schüchtern und es war gut zu erfahren, dass ich doch so stark bin“, ergänzt Betty (Name geändert) aus der achten Klasse, nachdem sie mit der bloßen Faust ein Brett durchgeschlagen hat. Das lernt man nur beim Karate? Falsch, denn die Beschäftigung mit dem eigenen Körper ist der Weg zu einem sichereren Auftreten und deshalb auch Teil der Trainingsmethoden im Selbstbehauptungskurs. „Das Brettdurchschlagen kommt unerwartet und die Mädchen erschrecken vor dieser Aufgabe, aber es ist wichtig, dass sie lernen, wie sie die eigene Angst überwinden“. Wie man das Brett durchschlägt ist egal, aber es sich zu trauen, ist ein Lernprozess. Viele Mädchen kennen sich selbst gar nicht, sie werden gemoppt und fühlen sich als Außenseiter. „Die Schülerinnen denken, sie seien mit ihren Problemen allein und merken dann erst in der Gemeinschaft, dass sie es nicht sind“, so Gabi Zengin. Mit Kennlern- und Rollenspielen stärkt die Sozialpädagogin die Wahrnehmung und die Empathie der Mädchen. In einem Rollenspiel stehen zwei Mädchen als Symbol für eine Wand nebeneinander. Ramona (Name geändert) soll durch die beiden hindurchgehen und die Mauer durchbrechen. Als Ansporn hat sie ein Ziel vor Augen, doch um dieses zu erreichen, muss sie erst das Hindernis überwinden. Für viele kontaktscheue Mädchen keine einfache Aufgabe, aber in der Gemeinschaft findet man die fehlende Anerkennung und Stärke. „Es ist wichtig, dass die Mädchen lernen, dass die äußere Haltung Einfluss hat auf die Innere und umgekehrt“, erklärt Zengin.
In der Schule hat Lehrerin Frau Krüger diesen Entwicklungsprozess nach dem Workshop sofort wahrgenommen: „Man sieht jetzt schon eine andere Körpersprache und auch die Stimme der Kinder hat sich verändert und ist bestimmter geworden“. Sollte sich jetzt also wieder jemand ohne zu fragen neben Sabine in den Bus setzen, wird sie ihn höflich und bestimmt darauf aufmerksam machen, sich woanders hinzusetzen. |